„Geringe Qualifikation der Arbeitskraft, hohe Steuerlast, eine zu ausgeprägte Bürokratie, um Geschäfte zu machen, sowie eine unzureichende Infrastruktur“

26.05.2012 | Hintergrund |

Interview mit Dr. Maurício Canêdo vom brasilianischen Wirtschaftsinstitut (Instituto Brasileiro de Economia, kurz: IBRE) der Getulio Vargas-Stiftung (Fundação Getulio Vargas, kurz: FGV) zur aktuellen wirtschaftlichen Lage Brasiliens

 

BrasilNewsHerr Dr. Maurício Canêdo, welches sind die größten Herausforderungen zur Zeit für die brasilianische Wirtschaft?

Maurício Canêdo: Wir haben konjunkturelle Herausforderungen, die kurzfristiger und langfristiger Art sind. Ich glaube, die größte kurzfristige Herausforderung ist es, die Inflation kontrolliert zu halten, auch bei einem aggressiveren Rückgang der Zinsen und einer Entwertung der Währung. Langfristig bestehen die größten Herausforderungen darin, die strukturellen „bottle necks“ zu beseitigen, die ein schnelleres Wachstum unserer Wirtschaft verhindern: geringe Qualifikation der Arbeitskraft, hohe Steuerlast, eine zu ausgeprägte Bürokratie, um Geschäfte zu machen, sowie eine unzureichende Infrastruktur.

BrasilNews: Die brasilianische Regierung hat einige Maßnahmen ergriffen, um die Situation der brasilianischen Industrie zu verbessern, die sich in Stagnation/Rezession befindet. Welches sind diese Maßnahmen und zeigen sie bereits Auswirkungen? Sind diese ausreichend oder müssen noch weitere Maßnahmen getroffen werden?

Maurício Canêdo: Es wurden grundsätzlich einige Maßnahmen ins Leben gerufen, die eine Steuerreduzierung (hinsichtlich der Gehälter und der Verkäufe) in einigen Bereichen mit sich bringen. Vor wenigen Tagen wurden beispielsweise die Steuer auf industrialisierte Produkte (IPI) für Kraftfahrzeuge und die Steuer auf Finanztransaktionen (IOF) für Kredite, die zum Autokauf verwendet werden, gesenkt. Einige Industriesektoren wurden bevorzugt berücksichtigt bei Einkäufen der brasilianischen Regierung. Es ist noch zu früh, um die Wirkung dieser Maßnahmen zu beurteilen, aber ich glaube nicht, dass sie in der Lage sein werden, die strukturellen Probleme der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu lösen.

BrasilNews: Die Importsteuern in Brasilien sind extrem hoch, was einige Unternehmen veranlasst hat, in Brasilien zu produzieren. Aktuelles Beispiel ist der Hersteller von Apple-Geräten, Foxconn, und es sieht so aus, als würde auch BMW in Brasilien produzieren wollen. Scheint also, als würde dieser „brasilianische Protektionismus“ funktionieren. Auf der anderen Seite gibt es so einen deutlich geringeren internationalen Wettbewerb (über Importe), was eine Situation schafft, in der brasilianische Unternehmen ihre Preise hoch halten können, worunter wiederum der Binnenmarkt leidet. Wie sehen Sie das? Ist es gut oder schlecht, Importe nach Brasilien durch hohe Steuern zu erschweren?

Maurício Canêdo: Die brasilianische Erfahrung (sowie der Mehrzahl der Länder Lateinamerikas) mit Industriepolitik zeigt, dass das Modell einer autarken Wirtschaft langfristig nicht nachhaltig ist. Für mich ist ziemlich klar, dass die Kosten im Sinne von höheren Preisen und Produkten minderer Qualität in keinem ausreichenden Verhältnis zur Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen durch diese neuen Fabriken stehen. Die Tatsachen zeigen, dass die wirtschaftliche Öffnung in den 90er Jahren kurzfristig einen negativen Effekt auf die Beschäftigung hatte, dieser aber langfristig aufgelöst wurde durch die Verschiebung der brasilianischen Wirtschaft hin zu Sektoren, in denen wir mehr Wettbewerbsvorteile haben und in denen wir wettbewerbsfähiger sind. Das Problem ist, dass sich der Nutzen [der Importbeschränkungen] zwar leicht identifizieren lässt, die Kosten dafür allerdings diffus bleiben. Soll heißen, wenn man sich einmal entscheidet, den Binnenmarkt zu protegieren, dann ist es politisch sehr schwierig, das wieder zurückzunehmen, da es für die bevorteilten Gruppen viel einfacher ist, sich für den Erhalt dieses Status Quo mit Nachdruck einzusetzen.

BrasilNewsWas ist der Grund dafür, dass die brasilianischen Binnenkosten so hoch sind, der sogenannte „custo brasil“? Und was kann unternommen werden, um die Situation zu verbessern?

Maurício Canêdo: Es gibt bis lang einfach keine Industriepolitik, die die strukturellen Probleme unserer Wirtschaft ausreichend löst: niedrige Qualifikation der Arbeitskraft, eine hohe Belastung durch Steuern, zu viel Bürokratie, um Geschäfte zu machen, und eine unzureichendes Angebot an Infrastruktur. Die Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere unserer Industrie, hängt massiv von der Beseitigung dieser Probleme ab.

Die Fragen stellte Tim Fabian Besser, Herausgeber von BrasilNews. Übersetzung: Tim Fabian Besser

Über Dr. Maurício Canêdo und das IBRE:

Maurício Canêdo ist Wirtschaftswissenschaftler des Zentrums für Angewandte Wirtschaftswissenschaften am Brasilianischen Wirtschaftsinstitut (IBRE) der Getulio Vargas-Stiftung (FGV). Er besitzt einen Doktor in Wirtschaftswissenschaften verliehen von der Postgraduierten-Fakultät für Wirtschaft der FGV.

Das IBRE wurde 1951 gegründet und widmet sich der Erstellung und Verbreitung von makroökonomischen Statistiken sowie wirtschaftswissenschaftlichen Studien. Es ist Vorreiter bei der Berechnung des brasilianischen Bruttoinlandsproduktes und entwickelte darüber hinaus den allgemeinen Preis-Index (Índice Geral de Preços, kurz: IGP), der für viele Jahre der offizielle Index zur Angabe der Inflation in Brasilien war.

Das IBRE ist präsent bei der Analyse und Diskussion relevanter Wirtschaftsthemen und fungiert als „think tank“ der FGV bei wirtschaftlichen und sozialen Fragen des Landes und ist in Brasilien sowie international anerkannt.

Zu den Wirtschaftsstatistiken des IBRE zählen abgesehen von den Preis-Indizes auch Indikatoren zu wirtschaftlichen Trends und zum Konjunkturverlauf, welche umfassend von Wissenschaftlern, Analysten und Führungskräften aus dem privaten und öffentlichen Sektor verwendet werden.


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