Finanzminister Guido Mantega und Präsidentin Dilma Rousseff / Copyright: Agência Brasil

von Tim Fabian Besser

Finanzminister Guido Mantega und Präsidentin Dilma Rousseff / Copyright: Agência Brasil

Internationale Verschwörungen und das Schaffen eines gemeinsamen äußeren Feindes sind von alters her klassische Regierungsstrategien, um die Aufmerksamkeit des Volkes von den wirklichen Problemen des Landes abzulenken. Der brasilianische Finanzminister Guido Mantega scheint gemeinsam mit seiner Chefin, der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff, diese Methode anzuwenden, wenn beide offen und nachhaltig immer wieder von einem „Wechselkurskrieg“ gegen Schwellenländer wie Brasilien sprechen.

Natürlich gibt es negative Auswirkungen für die Industrie Brasiliens durch einen starken Brasilianischen Real. Es kann auch nicht verneint werden, dass eine wesentliche Ursache der Überbewertung der brasilianischen Währung externer Art ist, außerhalb des direkten Einflußbereiches der brasilianischen Regierung. Aber: Die Marktverzerrungen, die die Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Unternehmen mindern, sind weitaus komplexer und umfassender, als dass sie ihre Ursache vorwiegend in den Wechselkursen hätten.

Die Bezeichnung „Wechselkurskrieg“ hat eine stark emotional geprägte Seite; dagegen ist grundsätzlich auch nichts zu sagen. Wenn jedoch immer dann davon Gebrauch gemacht wird, wenn sich akute Probleme nicht lösen lassen, dann hilft diese Vereinfachung nicht weiter bei dem, was eigentlich dringend getan werden muss, um die brasilianische Wirtschaft nachhaltig auf Kurs zu bringen. Die Fokussierung auf den Wechselkurs scheint dazu zu dienen, um vor der Bevölkerung die hohen Binnenkosten in Brasilien zu rechtfertigen. Hinzu kommen die schlechten Produktivitätsindizes, die zwar im Aufbau befindliche, jedoch noch recht marode Infrastruktur, das lähmende Steuersystem (noch komplizierte als das deutsche!) und das im internationalen Vergleich mangelhafte Bildungssystem (laut OECD). All dies gerät aus dem Blick, wenn „die anderen“ Schuld sind mit ihrem Währungskrieg. Es ist nicht so, dass der brasilianischen Regierung diese Themen nicht bekannt wären. Dilma Rousseff sowie ihre Vorgänger haben bereits eine Vielzahl an Maßnahmen angestoßen, um die zuvor genannten Herausforderungen zu meistern und viele dieser schlagen an – wenn auch zum Teil sehr langsam.

Die brasilianischen Bürger fragen sich zunehmend, warum sie beispielsweise für Autos und Elektronikprodukte im Land so hohe Preise zahlen müssen. Ein iPhone kostet in Brasilien umgerechnet 1.650 US-Dollar, in den USA lediglich 815 US-Dollar. Ein BMW X1 sDrive 18i ist in Brasilien für umgerechnet ab 50.000 EUR erhältlich, während in Deutschland nur ab 27.500 EUR verlangt werden. Die Hoffnung ist nun, dass diese Preise deutlich sinken, sobald iPhones und BMWs in Brasilien produziert werden. Denn: Ein wesentlicher Preisfaktor sind die enormen Steuern und Gebühren, die beim Import in Brasilien anfallen, und eine Steigerung des Konsumentenpreises von nicht selten 70 Prozent zur Folge haben können. Dieser brasilianische Protektionismus macht eine Produkteinführung im Land oftmals nicht rentabel, da das ausländische Unternehmen mit zu hohen Preisen auf dem brasilianischen Markt nicht konkurrenzfähig ist. Der taiwanische iPhone-Hersteller Foxconn hat vor wenigen Wochen mit der Produktion in Brasilien begonnen. Versprochene steuerliche Vorteile haben bei der Entscheidung wohl nicht unwesentlich mitgeholfen. Bislang hat das jedoch noch nicht zu einer Preissenkung des iPhones vor Ort geführt. BMW plant, 2012 ein Werk in Brasilien zu eröffnen. Mal sehen, wie sich die Preise der Fahrzeuge dann entwickeln. Denn selbstverständlich ist es nicht, dass vor Ort produzierte Produkte günstiger sind: Der in Brasilien hergestellte Volkswagen FOX ist in Deutschland ab 9.650 EUR zu haben, im Produktionsland liegt der Preis jedoch umgerechnet bei satten 14.000 EUR.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Herausforderungen, die den wirtschaftlichen Ausbau in Brasilien hemmen. Um beispielsweise in Brasilien ein Unternehmen zu eröffnen, werden im Schnitt 120 Tage benötigt; der OECD-Durchschnitt liegt bei knapp unter zwei Wochen.

Die Regierung Rousseff hat also noch einen großen Berg an Aufgaben vor sich liegen. Sich nun auf den „Wechselkurskrieg“ zu kaprizieren, hilft sicher nicht, um schnell und effektiv die brasilianische Wirtschaft nachhaltig zu fördern. Sie sollte aufhören, Fakten wissentlich oder unwissentlich falsch zu interpretieren und neue Entschuldigungen für alte Probleme zu finden.

Über den Autor:
Tim Fabian Besser ist Herausgeber des Nachrichtenportals BrasilNews und Managing Partner bei Besser International. (Foto-Copyright: Besser International GmbH)