Reales Bruttoinlandsprodukt Brasiliens, prozentuale Veränderung / Copyright: DB Research

Zusammenfassung eines Vortrages vom 31.12.2012 und einer Publikation der Deutsche Bank/DB Research zum aktuellen wirtschaftlichen Ausblick Brasiliens.

von Jana Dotschkal, Lateinamerika Verein

Reales Bruttoinlandsprodukt Brasiliens, prozentuale Veränderung / Copyright: DB Research

Reales Bruttoinlandsprodukt Brasiliens, prozentuale Veränderung / Copyright: DB Research

Brasiliens Wachstumsdelle ist zyklisch, nicht strukturell: Bewusst grenzt sich Dr. Markus Jäger, Mitarbeiter der Deutschen Bank/DB Research in New York, in seinen Ausführungen von den derzeitigen Negativschlagzeilen über die Zukunft der brasilianischen Wirtschaft ab. Es gebe zwar einzelne Unzulänglichkeiten – Brasilien habe diese aber erkannt und verfüge über alle Voraussetzungen, um den Schwachstellen zu begegnen und mittelfristig ein Wirtschaftswachstum von mindestens 3,5% zu erreichen.

Wie ist es aber zu der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums gekommen? Dr. Jäger führt die derzeitige Wachstumsdelle vor allem auf eine gesunkene globale Nachfrage und die starke brasilianische Währung zurück: Sowohl die USA als auch Europa hätten infolge wirtschaftlicher Engpässe ihre Nachfrage nach brasilianischen Produkten gedrosselt. Dies und die überbewertete Währung machten Brasiliens Exporten zu schaffen: Die brasilianische Währung sei zwar heute schwächer als noch vor einem Jahr, habe aber im Vergleich zu den anderen BRIC-Währungen in den vergangenen zehn Jahren am meisten aufgewertet. Besonders das verarbeitende Gewerbe leide unter der Wechselkursproblematik.

Fundamental ist Brasilien jedoch nach wie vor sehr gut aufgestellt. Das Land ist Nettoauslandsgläubiger (ungeachtet ausländischer Beteiligungen an inländischen öffentlichen Schuldtiteln). Auch der öffentliche Sektor ist Nettogläubiger in ausländischer Währung und kann den Privatsektor gegebenenfalls mit ausländischer Währung versorgen. Externen Schocks könnte Brasilien begegnen, indem es seine Währung abwerten und dem Privatsektor Liquidität in Form von ausländischer Währung zukommen lassen würde. Brasilien sei darüber hinaus eine relativ geschlossene Volkswirtschaft und weniger vom Außenhandel abhängig als häufig angenommen. Brasilianische Exporte machten lediglich 11% des BIP aus. Natürlich habe Brasilien von dem Rohstoffboom profitiert und seine Wirtschaft durch den Handel mit China, Brasiliens Haupthandelspartner, zusätzlich beflügelt. Eine gewisse Abhängigkeit von China, das einen beträchtlichen Teil der auf dem Weltmarkt gehandelten Rohstoffe konsumiert, lasse sich somit nicht absprechen: Eine Krise in China mit daraus resultierender sinkender Rohstoffnachfrage würde die Rohstoffpreise und damit auch den brasilianischen Markt beeinflussen. Vergessen werden dürfe dabei aber nicht, dass die brasilianischen Exporte Richtung China weniger als 2% des BIP ausmachten. Solange es nicht zu dem (unwahrscheinlichen) totalen Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft käme, seien die Risiken, die sich durch die wirtschaftliche Verflechtung beider Länder ergeben, daher überschaubar.

Problematisch sind Brasiliens geringe Investitions- und Sparquoten. Beide bewegen sich unterhalb von 20% des BIP – derartige Quoten erschweren es, mehr als 3,5% Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Brasilien habe Dr. Jäger zufolge in den vergangenen 20 Jahren unterinvestiert – dies mit negativen Auswirkungen auf die Infrastruktur des Landes. Anstatt das Geld zu sparen bzw. zu investieren, bezahle die brasilianische Regierung zu viel für laufende Ausgaben. Großzügige Sozialleistungen von Seiten der Regierung geben Privatpersonen wenig Anreize, ihr Geld (bspw. in Altersvorsorge) anzulegen. Die fehlenden Anreize und Erinnerungen an die Hyperinflation der neunziger Jahre können als Erklärungskomponenten für fehlende private Ersparnis herangezogen werden. Problematisch sei auch die derzeitige Kreditvergabe: Während die Staatsbanken Kredite vergeben, hätten sich Privatbanken zurückgezogen. Wichtiges Ziel müsse es daher sein, die öffentliche und private Ersparnis zu erhöhen und die Investitionstätigkeit anzukurbeln. Anstatt in laufende Ausgaben zu investieren, müsse die Regierung Infrastrukturprojekte stärker fördern.

Wie wird sich angesichts dieser Vorgeschichte Brasiliens mittelfristige Entwicklung gestalten? Hier gibt sich Dr. Jäger optimistisch: Ihm zufolge haben Regierung und Zentralbank die Schwachstellen erkannt und steuern mit Maßnahmen wie groß angelegten Infrastrukturprojekten unter Beteiligung privater Investoren, einer expansiven Fiskalpolitik und Zinssenkungen in die richtige Richtung. Anders als früher konzentriere sich die Regierung nun mehr auf die Angebots- als auf die Nachfrageseite. Ein Großteil der von der Regierung angekündigten Maßnahmen ziele auf Produktivitätssteigerungen und die Förderung privater sowie öffentlicher Investitionen. Die derzeitigen wirtschaftlichen Probleme seien zyklischer Natur. Die Erholung von diesem zyklischen Tief dürfte durch die strukturellen Reformen der Regierung zusätzlich beflügelt werden. Mit Sicherheit seien die externen Bedingungen heute ungünstiger als zu Zeiten des Rohstoffbooms der vergangenen Dekade. Dank Brasiliens soliden wirtschaftlichen Fundaments und der angekündigten Strukturreformen gebe es aber keinen Grund, mittelfristig von einem Wirtschaftswachstum von weniger als 3,5% auszugehen.

Die aktuelle Publikation „Brazil: Fair economic prospects“ von Dr. Jäger erhalten Sie hier (PDF, englisch).