Trotz Abkühlung ist Brasilien weiter auf Wachstumskurs / Copyright: Stephen Finn - Fotolia.com

Die Regierung geht die Wachstumsschwäche grundsätzlich mit den richtigen Instrumenten an. Defizite aus deutscher Sicht bleiben aber unberührt. Das ist gefährlich.

von Helga Jung

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Als heiteres, wirtschaftspolitisch zuletzt sehr diszipliniertes Kind der Tropen hat Brasilien in zwei Jahrzehnten gleich drei Wunder vollbracht: Hohes Wachstum dank einer stabilitätsorientierten Wirtschaftspolitik, was weder den USA noch Europa gelang; ein Ausmaß an politischer Freiheit, nach dem sich die Menschen in anderen Schwellenländern noch sehnen, und Verringerung der ökonomischen Ungleichheit, was überall sonst eher umgekehrt der Fall war. Damit schickt es sich an, zu einem wichtigen Wachstumspol der Weltwirtschaft zu werden. Auf dem Papier ist es das längst: BRIC-Mitglied zusammen mit Russland, Indien und China. Doch nun ist das brasilianische Wachstum nicht nur deutlich schwächer ausgefallen als das seiner drei Vergleichsstaaten, sondern überhaupt etwas zu schwach. Nach einem Plus von 7,5 Prozent 2010, 2,7 Prozent im Vorjahr und Prognosen von kaum 2 Prozent für 2012 drücken einige Analytiker den Alarmknopf: Kann die sechst- bis achtgrößte Volkswirtschaft der Erde (je nachdem, wer gerade zählt) noch als globaler Wachstumsmotor bezeichnet werden? Oder war der Aufschwung nur dem Rohstoffboom der letzten Jahre verdankt? Dieser ist in der Bank-, Wirtschafts- und Verschuldungskrise: vergänglich – schreibt Ruchir Sharma von Morgan Stanley und setzt Brasilien auf Baisse.

Ich teile diesen Pessimismus nicht. Auch wenn etwa die Hälfte der Exporte Rohstoffe sind, stammen nur 10 Prozent der brasilianischen Wirtschaftsleistung aus dem Rohstoffexport; über 70 Prozent hingegen aus einem starken Dienstleistungssektor und aus der Industrie. Tatsächlich war der Wachstumsrückgang 2011 überwiegend durch eine stagnierende Industrieproduktion verursacht. Der allerdings ist die Folge von Strukturproblemen, die dringend adressiert werden müssen: Rückständige Infrastruktur, bürokratische Hemmnisse aller Art sowie hohe Lohnnebenkosten und Steuern. Außerdem gibt es zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte mit der Folge stark anwachsender Löhne. Dies alles zusammen macht die Produktion in Brasilien teurer als in den USA und drückt das Produktivitätswachstum unter den globalen Durchschnitt. Der Protektionismus hemmt die Entwicklung zusätzlich, ist aber, trotz neuer Importzölle, milder als im Nachbarstaat Argentinien und als in Russland, Indien und China.

Wohlstand breit gestreut

Doch das Land hat beeindruckende Stärken: Die Bevölkerung von knapp 200 Millionen wächst und ist jung; auf 100 Brasilianer im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren kommen gerade 10 im Rentenalter von 65 Jahren und mehr. Inzwischen gehört rund die Hälfte der Bevölkerung zur Mittelschicht. Allein in den sieben Jahren 2003 bis 2010 erreichten 30 Millionen Menschen diesen Status, indes 70 Millionen Brasilianer der Armut entkamen. In der letzten Dekade stieg das private Geldvermögen Jahr für Jahr im Schnitt zweistellig. In Brasilien wurden nicht nur die größten Erdölfunde weltweit seit Jahrzehnten gemacht, der „grüne Riese“ diversifiziert auch kraftvoll seine Wirtschaft. Der Finanzsektor wurde ausgeweitet. Die traditionelle Staatsorientierung wird aufgeweicht zugunsten einer erfrischenden Entrepreneur-Kultur. Einer von vier Erwachsenen hat sich selbstständig gemacht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei beneidenswerten 5,8 Prozent. Und das Pro-Kopf-Einkommen ist deutlich höher als in Indien und China. Kurzum: Kein anderes aufstrebendes Land balanciert Demokratie und breit gestreuten Wohlstand so gut aus wie Brasilien.

Jetzt hat die Regierung ernsthaft den Versuch unternommen, auch seine Strukturprobleme anzupacken und Bedingungen für höheres, langfristig nachhaltiges Wachstum zu schaffen. Ein ehrgeiziges Programm soll dafür sorgen, dass 100.000 Brasilianer bis 2015 im Ausland studieren. Bisher verfügt nur 11 Prozent der Bevölkerung über einen Universitätsabschluss. Die Steuerlast wird gemildert, auch die auf Energie. Ein großangelegtes Privatisierungs- und Konzessionsprogramm sieht die Ausschreibung von 50.000 Km Straßen und 12.000 Km Eisenbahntrassen vor. Investitionsvolumen: Etwa 66 Milliarden Euro. Häfen und Flughäfen sollen folgen. Das sind langfristige Projekte, die unternehmerisches Engagement und Wachstumsimpulse für Dekaden auslösen werden.

Deutschland im Nachteil

Es gibt keinen Grund, Brasilien und seine Wachstumsgeschichte abzuschreiben. Die ungesättigte Nachfrage nach Infrastruktur, Bildung, Wohnraum, Konsum und Gesundheit ist gewaltig. Das Land will in der Weltwirtschaft ganz nach vorn rücken. Und Fußball-WM sowie Olympiade werden für einen zusätzlichen Schub sorgen. Das sind auch herausragende Bedingungen für einen stark wachsenden Versicherungsmarkt. Doch nachhaltiges Wachstum ist kein Selbstläufer. Die öffentliche Sicherheit muss deutlich verbessert werden. Dringend notwendig sind Reformen, die eine höhere Sparquote, weitere Investitionen und Produktivitätsfortschritte fördern. Und die Handelsdiplomatie sollte stärker für weitere Marktöffnungen eintreten.

Aus deutscher Sicht sind die Defizite besonders eklatant. Obwohl Deutschland der viertwichtigste Handelspartner Brasiliens ist, fehlen bilaterale Vereinbarungen über Mindeststandards im Geschäftsverkehr. Geschäftstätigkeit und Investitionen deutscher Unternehmen in Brasilien haben sich verteuert. Seit 2006 gibt es kein gültiges zwischenstaatliches Doppelbesteuerungsabkommen. Das alles ist unverständlich und sollte bald beendet werden. Vor allem die Wiederaufnahme der Gespräche zum Doppelbesteuerungsabkommen ist überfällig. Unglücklicherweise wird Scarlett O’Haras oft und gern benutztes „Verschieben wir es doch auf morgen“ weder Brasilien noch Deutschland helfen.

Über die Autorin:

Helga Jung ist Vorstandsmitglied der Allianz SE und zuständig für das Versicherungs-geschäft des Konzerns in den Staaten Lateinamerikas. (Foto-Copyright: Allianz SE)

 

Erstmalig veröffentlicht in der Financial Times Deutschland, 22.10.2012.
© Alle Rechte vorbehalten. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Financial Times Deutschland.