Mídia Ninjas

Gastbeitrag von Lisa Altmeier und Steffi Fetz

Crowdspondent spricht mit den Protest-Reportern von Midia Ninja

Vor ein paar Wochen haben wir euch davon erzählt, dass auf einer Demo während des Papst-Besuchs zwei junge Journalisten des Reporter-Kollektivs Midia Ninja von der Polizei festgenommen wurden. Jetzt haben wir mit einem Ninja-Reporter gesprochen. Er erzählte uns, was die Gruppe macht, wie sie sich gegründet hat und wieso die Ninjas in einem gemeinsamen Haus leben.

Ninja-Reporter im Arbeitseinsatz. Der Schal schützt vor dem Tränengas (Quelle: Midia Ninja)

 

Die Ninja-Reporter übertragen per Smartphone und Livestream die Demos aufs Brasiliens Straßen ins Netz. Auch wenn in Deutschland in letzter Zeit kaum darüber berichtet wurde: Es finden hier immer noch viele Protestaktionen gegen die Regierung, gegen die Fußball-WM im nächsten Jahr und für bessere Schulen, für bessere Krankenhäuser, für bessere Verkehrssysteme statt. Vor allem vor dem Haus von Rio de Janeiros Gouverneur Sergio Cabral im reichen Stadtteil Leblon treffen sich regelmäßig viele junge Leute zu „OccupyCabral“, zur Besetzung seines Hauses. Auf solchen Demos haben wir schon öfter Ninja-Reporter bei der Arbeit gesehen.

Weil wir wissen wollten, wie es nach der Festnahme der beiden Ninja-Reporter weiterging und auch neugierig waren, wie Midia Ninja arbeitet, haben wir mit Felipe, einem der Gründer des Reporter-Kollektivs gesprochen:

Bevor Felipe zu seiner Arbeit als Ninja-Reporter geht, setzt er sich eine Gasmaske auf oder schlingt sich ein Tuch ums Gesicht. Der 28-Jährige rechnet nämlich jedes Mal damit, dass die Polizei Tränengasbomben schmeißt. Er und seine 50 Kollegen sind immer dabei, wenn in Brasiliens Großstädten Leute auf die Straße gehen. Warum eigentlich, wollen wir von Felipe wissen. Er erklärt uns, dass viele Menschen in Brasilien den traditionellen Medien nicht mehr vertrauen. Gerade die jungen Leute und gerade die, die demonstrieren, fühlen sich von den Zeitungen und Fernsehsendern gar nicht repräsentiert. Die Journalisten im Alter von 20 bis 35 von Ninja wollen alles anders machen.

Raus auf die Straße, dem Arbeitsplatz der Ninjas (Quelle: Midia Ninja)

 

Wir haben uns ja schon öfter darüber gewundert, dass im Fernsehen Spaßsendungen und Telenovelas laufen, während auf der Straße zwischen Polizisten und Protestierenden regelrecht Krieg herrscht. Auch auf Facebook regen sich die Leute hier ständig über die Berichterstattung der Massenmedien auf, die eher regierungsfreundlich ist. Wir konnten also gut nachvollziehen, was Felipe meint.

Diese Unzufriedenheit mit klassischen Medien gibt es übrigens auch unter Demonstranten in anderen Ländern: In der Türkei skandierten Protestierende „Die Medien haben sich verkauft!“.“Denn der türkische CNN-Nachrichtensender hatte eine Pinguin-Dokumentation gezeigt, während die Polizei Demonstranten attackierte. Auch dort verbreiten Demonstranten mittlerweile online eigene Nachrichten, wie unser Freund und ehemaliger Klassenkamerad von der Journalistenschule Hakan Tanriverdi neulich in der Süddeutschen Zeitung schrieb.

In Brasilien hat Midia Ninja viel Aufmerksamkeit erregt, als die Polizei – wie erwähnt – zwei von ihnen festgenommen hat. Nach dem, was Felipe uns erzählt (was auch dem entspricht, was die anderen brasilianischen Medien anschließend berichteten), lief das Ganze so ab: Undercover-Polizisten sind auf der Papst-Demo vor zwei Wochen auf zwei der Ninja-Reporter zugegangen und taten so, als seien sie selbst Journalisten und wollten die Ninjas interviewen. Als die beiden Ninjas mit ihnen mitkamen, zückten die Polizisten auf einmal Handschellen und gaben sich als Polizisten zu erkennen. Die Begründung für die Festnahme: „Vandalismus““Anstiftung zur Gewalt”. Da die beiden Reporter aber den gesamten Abend gefilmt und eindeutig keinen Vandalismus betrieben hatten, musste die Polizei sie schließlich freilassen – nachdem Hunderttausende junge Brasilianer Fotos und Videos von der Festnahme im Netz verbreitet hatten und einige hundert vor dem Polizeirevier demonstrierten. Am nächsten Tag berichteten alle großen brasilianischen Medien über die Aktion. „Sogar das nationale Fernsehen hat ein Smartphone-Video von uns in den Nachrichten gezeigt, das hätten sie früher nie getan“, erzählt uns Felipe.

Die ganze Aktion hat den Ninajs also letztlich eher genützt als geschadet. Mittlerweile haben sie 157 000 Facebook-Likes. Was wir sehr überraschend finden: Felipe arbeitet nicht nur für Ninja, er lebt auch mit 30 anderen Ninja-Reportern in einem Haus in Sao Paulo. Das sei günstiger, erklärt er uns. Denn die Ninjas könnten sich eigene Wohnungen nicht leisten, sie finanzieren das Projekt von dem, was sie als freie Fotographen, Journalisten und Designer verdienen. Felipe sagt, dass „Social Media“ für die Leute bei Ninja nicht einfach eine Worthülse ist, sondern sie miteinander und mit ihren Zuschauern im ständigen Austausch stehen, das würde „Soziale Medien“ für sie bedeuten. Dazu gehört eben auch, dass sie zusammen wohnen, sagt er.

Im Fokus der Ninja-Kamera: das Verhalten der Militärpolizei

Im Fokus der Ninja-Kamera: das Verhalten der Militärpolizei

 

Bevor Felipe Ninja-Reporter wurde, hat er Kommunikationswissenschaft und Film studiert. Dabei lernte er auch die Leute kennen, die heute seine Kollegen sind. Früher haben sie zusammen unabhängige Musik-Festivals organisiert. Damals wollten sie die strauchelnde Musikszene wiederbeleben. Jetzt in der Medienkrise versuchen sie Ähnliches mit dem Journalismus. „Jeder kann Journalist sein. Jeder, der rausgeht und sich anguckt, was passiert und darüber berichtet“, findet Felipe.

Raus auf die Straße, rein in die Menge, das machen viele brasilianische Medien ganz und gar nicht. Wenn sie über die Demos berichten, dann eher mit einer Portion Distanz, zum Beispiel von einem Hubschrauber aus. In der Zeitung „O Globo“ (in deren beigelegten Magazin „Journal O Globo“ am Sonntag ein Bericht über uns erschienen ist) haben wir einen Artikel über die Ninjas gelesen. Darin wird ihnen vorgeworfen, dass ihnen genau diese Distanz, die andere Medien zu den Demos hätten, fehlen würde und sie eher Aktivisten als Journalisten seien. Schließlich demonstrieren sie auch selbst. Wir haben Felipe auf diese Vorwürfe angesprochen. Er meint: „Die traditionellen Journalisten sind auch parteiisch – sie zeigen das nur nicht offen, sondern tun so, als seien sie objektiv. Außerdem sind wir mit etlichen Kameras im Einsatz, wir haben viele verschiedene Perspektiven auf den Protesten und zeigen sowohl das Verhalten der Demonstranten als auch das der Polizei.“

Wir finden, dass die Ninjas auf jeden Fall Recht damit haben: auch die klassischen Medien verfolgen eine Agenda. Gerade der größte brasilianische Medienkonzern „Globo“ ist sehr konservativ und die meisten Medien stehen immer auf der Seite der Regierenden. Dass sich als Gegenbewegung die klar protestbefürwortende Gruppe „Ninja“ gegründet hat, ist eine logische Konsequenz. Allerdings fragen wir uns auch, ob es gut ist, wenn Medien nur Extrem-Positionen vertreten und ob Ninja den klassischen Medien nicht ähnlicher ist als sie wollen, wenn sie genauso wie klare politische Ziele verfolgen.

Ein paar der Midia Ninja Reporter (Quelle: Midia Ninja)

 

Mittlerweile beschäftigt sich sogar das US-amerikanische Journalismus-Labor Niemann Lab mit den Ninjas. Sie loben, dass die jungen Reporter so transparent berichten.

Momentan arbeiten die Ninja-Reporter daran, die vielen hundert Informationen zu sortieren, die ihre Zuschauer ihnen jeden Tag senden. Sie müssen immer wieder entscheiden, was sie per Facebook und Twitter weiterverbreiten. Um die Kommunikation mit ihren Usern zu vereinfachen, bauen sie gerade eine neue Internetseite auf.

Das Gespräch mit Felipe war sehr spannend und wir wollen uns das Ninja-Reporter-Haus auf jeden Fall vor Ort anschauen, wenn wir nach Sao Paulo fahren. Auch wenn sich die Ninjas in vielen Punkten von uns unterscheiden, hat uns manches, was wir über sie erfahren haben, auch ein bisschen an uns und unser Projekt erinnert: Wenig Geld, zusammen wohnen und arbeiten, permanent im Kontakt mit der Crowd, immer unterwegs. Wie wir sind auch die Ninjas in einer Experimentierphase.

Die Ninja-Reporter haben übrigens jetzt schon Einfluss auf die Arbeitsweise in den traditionellen Medien genommen: Seit Kurzem schicken große Medien auch Smartphone-Reporter zu den Demonstrationen. Sie sollen den „Ninja-Style“ kopieren.

Dieser Text entstand bei den Recherchen für das Journalismus-Experiment Crowdspondent: Mission Brasilien. Bei diesem Projekt berichten Lisa Altmeier und Steffi Fetz aus Brasilien über die Themen, die ihnen ihre Leser vorschlagen.



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