Werkhalle des weltweit drittgrößten Flugzeugbauers, der brasilianischen Embraer / Copyright: Embraer

…oder die Nachlässigkeit deutscher Unternehmen bei der Vorbereitung auf Brasilien

von Susanne Weiss

Avenida Paulista in São Paulo, die wirtschaftlich stärkste Stadt Brasiliens / Copyright: Creative Commons/Panoramio/André Moises

Die Zahlen sind verwirrend. Gemeint ist das brasilianische Bruttoinlandprodukt 2010, welche das Land mit 2.100 Milliarden US-Dollar in die ökonomische Weltspitze katapultiert. Noch vor wenigen Jahren schien Brasilien wie einige seiner lateinamerikanischen Nachbarn endgültig als Rekord-Hyperinflationär und Mega-Schuldenmacher in die Geschichte eingehen zu wollen, immer mal wieder haarscharf am Staatsbankrott vorbei, rausgekickt aus den globalen Netzwerken, als Pleitegeier am Tropf der Industrieländer.

Inzwischen nimmt man staunend zur Kenntnis, dass Brasilien Weltmarktführer in zahlreichen Branchen ist oder sich anschickt, es zu werden und neuerdings dem krisengeschüttelten Europa Hilfe anbietet. Man hört von steigenden Einkommen in Unter- und Mittelschichten, allenthalben ist vom brasilianischen „Boom“ die Rede. Wie ist das möglich im Land des Karnevals, der Gewalt und der Korruption, das zu allem Überfluss auch noch eine linke Regierung hat? Noch reimt sich nicht alles zusammen, und diese Ungereimtheit ist in gewisser Weise symptomatisch für den deutschen Blick auf Brasilien, der außer in Kennerkreisen oft noch nicht weiß, aus welcher Perspektive er sich das Land ansehen soll. Unglücklicherweise lassen hierzulande die Informationen über das fünftgrößte Land der Erde zu wünschen übrig. Dabei könnte alles so einfach sein.

In Brooklin, einem Stadtteil im Süden von São Paulo, wechseln sich Hochhäuser mit Reihen kleiner, meist zweigeschossiger Häuser ab, die sich mit ihren roten Dächern ineinander verschachteln wie in einem italienischen Dorf. Hier hat der deutsche Mittelstand seine brasilianische Vertretung. Die Unternehmerin Ilka von Borries ist Präsidentin der Niederlassung des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft (BVMW). Brasilien wünscht sich nämlich nicht nur Kooperationen mit den Big Shots der deutschen Industrie, die ohnehin schon seit Jahrzehnten vor Ort sind. Gesucht sind auch kleine und mittelständische Spezialisten, die als „hidden champions“ in zahlreichen Branchen zur Weltspitze gehören – preiswertes Land und Steuererleichterungen sollen den Schritt erleichtern.

Blick auf die Avenida Engenheiro Luís Carlos Berrini in Brooklin, São Paulo / Copyright: Wikimedia Commons/Angel.biel

Doch es gibt da ein Problem.

„Wer kommt, lässt allzu oft die berühmte deutsche Gründlichkeit zuhause“, weiß Ilka von Borries. Marktanalysen scheint man für überflüssig zu halten, häufig reicht das Budget nicht, die „Kenntnisse“ sind Fastfood aus dem Internet oder „Tipps und Tricks“ aus wohlfeilen „Lateinamerika-Knigges“, die suggerieren, man müsse nur auf den richtigen Kulturknopf drücken, und schon laufe das Geschäft. Selbst viele Expatriates, die schon Jahre im Land sind, können sich nur schwer von ihrer europäischen Gönnerhaftigkeit trennen, die ihnen zum eigenen Wohlbefinden einredet, dort „unten“ eine Art zivilisatorischer Mission zu vollbringen. Wozu also Vorbereitung? Auch die Mitarbeiter der größten deutschen Außenhandelskammer in São Paulo beklagen, dass deutsche Unternehmen den Rat, den sie bekommen können, nur selten in Anspruch nehmen. Deutsche Spitzenpolitiker liefern hier übrigens oftmals ein schlechtes Vorbild.

Da war man vor 100 Jahren schon einmal weiter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühten die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Brasilien und Deutschland. Das damals aktuelle Buch zum Thema hieß „Brasilien. Ein Land der Zukunft“ – und wir meinen hier nicht das zu Tode zitierte Werk von Stefan Zweig, das 1941 erschien und nie viel mit Brasiliens Realität zu tun hatte, sondern das ausführliche Kompendium von Heinrich Schüler, das – im Geiste der Zeit – zwischen 1912 und 1926 in sechs Auflagen erschien.

Schülers Brasilienbuch ist dezidiert ein Wirtschaftsbuch, behandelt alle wichtigen Natur- und Industriegüter des Landes und ging mit 479 Seiten Umfang davon aus, dass Geschäftsleute und Investoren sich gründlich vorbereiten – auf ein Land, das sich auch heute gute Partner wünscht, aber auf Belehrungen gern verzichtet.

Probleme und ihre Lösungen

Niemand leugnet, dass Brasilien Probleme hat – am wenigsten die Brasilianer selbst. Gewalt und Korruption existieren in erschreckendem Ausmaß, die Schere zwischen Arm und Reich ist skandalös weit geöffnet, und die „Kälte der besitzenden Klasse“, wie Wolfgang Bader, Leiter des Goethe-Instituts in São Paulo es ausdrückt, hinderte bislang noch jede Regierung an den letztlich entscheidenden Durchbrüchen. Alles dies hat eine über die Kontinente hinweg verwobene Geschichte, die zu kennen man sich die Mühe machen sollte, wenn man in Brasilien erfolgreich sein will – nicht nur aus selbstverständlicher Höflichkeit, sondern auch, um eigene Denkgewohnheiten zu reflektieren.

Dann versteht man den für planungsverliebte Deutsche ungewohnten Pragmatismus derjenigen, die wirklich Probleme haben, lernt die Geschmeidigkeit zu schätzen, mit der in Brasilien der Alltag organisiert wird, gewöhnt sich sogar an die zunächst fremdartigen Begriffe von Raum und Zeit und begreift, dass man am Ende von einer typisch brasilianischen Problemlösungskompetenz in kniffligen Situationen auch profitieren kann.

Edgar Horny, Präsident des brasilianischen Vereins Deutscher Ingenieure (VDI Brasil) bringt es auf den Punkt: „Es wird nicht – wie in Deutschland – gefragt, wer schuld ist, sondern: ‚Wie lösen wir das Problem?’“ Vor über 50 Jahren kam der VDI nach Brasilien mit Unmengen deutscher Ingenieure mit dem unerschütterlich guten Ruf vor allem aus der Autoindustrie. Heute bewegen sich auch die brasilianischen Techniker und Ingenieure in der ersten Liga und sind weltweit geschätzt, weiß man beim VDI. Vorbei sind übrigens auch die Zeiten, als Hallen, Kontore und Labore vor allem mit „Expats“ bespielt wurden. Große deutsche Unternehmen wie der Chemieriese BASF oder die Großreederei Hamburg Süd stellen am Standort Brasilien vor allem Brasilianer ein – ein Pfund für die bilaterale Zusammenarbeit.

Werkhalle des weltweit drittgrößten Flugzeugbauers, der brasilianischen Embraer / Copyright: Embraer

Brasilien ist heute Weltmarktführer bei Soja, Geflügel, Kaffee, Zucker, Orangensaft, Rindfleisch und im Erzbergbau. Außer Primärprodukten werden zum Beispiel Flugzeuge (einer der Kunden ist die Lufthansa) und Software (ein Kunde ist die Frankfurter Börse) exportiert.

Brasilien ist und bleibt ein Thema für deutsche Kaufleute, Industrielle und Investoren. Auch ohne die Großvorhaben Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und Olympische Spiele 2016 bietet das Land etwa bei Energie, Transport und Logistik Geschäftsmöglichkeiten in nie gekannter Größenordnung.

Doch wer in Brasilien Erfolg haben will und sich in diesem Markt nicht auskennt, sollte sich unbedingt von Unternehmen oder Personen mit einschlägigen Marktkenntnissen beraten lassen – von Personen zumal, die in beiden Kulturen zu Hause sind.

Und wer wissen möchte, wie man es nicht macht, dem sei die Geschichte von Henry Ford empfohlen, der mit seinem Fordlândia-Projekt zur Kautschuk-Gewinnung kläglich scheiterte. Seine Manager hatten keinerlei Kenntnisse in tropischer Landwirtschaft, und die brasilianischen Arbeiter wollten nicht wie geplant US-amerikanische Abziehbilder werden. Zwischen 1928 und 1945 setzte der Automogul 25 Millionen US-Dollar in den Schlamm Amazoniens. Ein Blick in Schülers „Land der Zukunft“ hätte für’s erste vielleicht helfen können.

Literaturhinweise:
Heinrich Schüler: Brasilien. Ein Land der Zukunft. Deutsche Verlagsanstalt, (seinerzeit) Stuttgart, 1912; sechs Auflagen bis 1926 / antiquarisch erhältlich unter anderem via amazon.de: Antiquariat 1, Antiquariat 2, Antiquariat 3
Greg Grandin: Fordlândia. The Rise and Fall of Henry Ford’s Forgotten Jungle City, Metropolitan Books, New York 2009; Brasilianische Ausgabe: Fordlândia. Ascensão e Queda da Cidade Esquecida de Henry Ford na Selva, Editora Rocco Ltda. Rio de Janeiro, o.J. / englische Ausgabe erhältlich unter anderem bei amazon.de

Über die Autorin:
Susanne Weiss schreibt, redigiert und publiziert zu Themen aus Wissenschaft und Wirtschaft; Partner sind unter anderem Universitäten, Akademien und Verbände. Ihre akademische Ausbildung als Ethnologin führte sie früh nach Lateinamerika – speziell Brasilien – das einen Schwerpunkt ihrer Publikationstätigkeit bildet. Nach 15 Jahren Innenansicht in verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes Berlin machte sie sich 2002 mit dem Wortwandel Verlag selbstständig. Susanne Weiss ist Mitglied im Lateinamerika-Verein und in der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft.