Norman Gall, Direktor des Fernand Braudel-Instituts / Copyright: Norman Gall, normangall.com

Interview mit Norman Gall, einem der scharfsinnigsten Analisten der brasilianischen Gesellschaft: Gall sagt, dass es notwendig ist, sich von der statischen Situation zu befreien und die öffentlichen Institutionen zu reformieren, um Brasilien nach vorne zu bringen.

Norman Gall, Direktor des Fernand Braudel-Instituts / Copyright: Norman Gall, normangall.com

Norman Gall, Direktor des Fernand Braudel-Instituts / Copyright: Norman Gall, normangall.com

Der Amerikaner Norman Gall lebt seit 35 Jahren in Brasilien und ist Direktor des Fernand Braudel-Instituts für Weltwirtschaft in São Paulo. Als Beobachter, in welche Richtung sich Brasilien bewegt, hat er kürzlich einen umfassenden und detaillierten Bericht über die Herausforderungen des Pré-Sal [Anm.: Region mit neuen Ölfunden vor der Küste Brasiliens] erstellt, in dem er warnt: die Exploration der Bodenschätze der neuen Ölfelder wird sich mindestens um fünf Jahre verzögern.

Als nicht müde werdender und engagierter Wissenschaftler (Eigenschaften aus seiner Zeit als Auslandskorrespondent) ist es Gall, in Kürze 80 Jahre alt, wichtig zu verreisen, um vor Ort seine Forschungsansätze zu bestätigen. Von Reise zu Reise hat er in den Planungen des Pré-Sal Hindernisse wie das Fehlen von Arbeitskräften und finanzielle Engpässe bei der halbstaatlichen Ölfirma Petrobras identifiziert – und darüber hinaus die gleiche statische Vision festgestellt, die auch die kürzlich verabschiedeten Maßnahmenpakete für Eisenbahnen, elektrische Energie und Flughäfen umgibt. „Das ist kein intelligenter Weg, die nationale Infrastruktur zu managen“, sagt Gall in einem Interview mit der Zeitschrift Veja in seiner Wohnung in São Paulo.

 

Veja: Warum wächst Brasilien in einem so langsamen Rhythmus genau wie die Wirtschaftsmärkte, die stark durch die weltweite Finanzkrise beeinträchtigt wurden?

Norman Gall: Auch wenn Brasilien nicht direkt durch die Krise beeinträchtigt wurde, so ist das Land verwundbar. Das ist auch für Länder wie die Vereinigten Staaten und Spanien teuer geworden: übertriebene Inzentivierung des Konsums, geringe Investitionen, stagnierende Produktivität und eine starke Verschuldung seitens der Familien, bei denen 25 Prozent, 30 Prozent ihres Einkommens aus Krediten kommen. Und die Regierung schafft weiterhin Maßnahmen, den Konsum noch weiter auszubauen, zu einem  Zeitpunkt, zu dem sie zu mehr Sparen und mehr Investitionen anregen sollte. Das Risiko dieses Irrtums ist die Rückkehr zu einer chronischen Inflation. Es stimmt, dass Brasilien mit einem Zusammenspiel solider öffentlicher Institutionen rechnen kann, aber diesen haben in der letzten Zeit nicht geholfen, die Entwicklung zu unterstützen. Ich sehe keinen anderen Weg als die harte Aufgabe, diese zu reformieren. Nur so können wir auf ein neues Niveau der entscheidenden Bereiche kommen: Bildung und Infrastruktur. Wenn wir hier nicht Fortschritte machen, dann wird das Land die Fähigkeit verlieren, große Projekte zu stemmen, die in der Lage sind, die Gesichtszüge einer Nation zu verändern. Das passiert gerade schon.

Veja: Könnten Sie dafür ein Beispiel geben?

Norman Gall: Der Fall des Pré-Sal ist dafür sinnbildlich. Das Bottle Neck der Arbeitskräfte und die Defizite der Infrastruktur sind Teil der Hindernisse, die die Produktion zurückhalten. Die Herausforderung, die Bodenreichtümer herauszuholen, ist monumental, wird aber nur oberflächlich angegangen, ohne einen vollständigen und konsequenten Plan, um die ambitionierten Ziele zu erreichen. Kein anderes Land hat seine Offshore-Produktion in so kurzer Zeit und in so tiefen Gewässern verdreifachen können, von zwei Millionen Barrels pro Tag auf sechs Millionen Barrels, so wie es hier vorgeschlagen wird. Das soll nicht heißen, dass das nicht möglich sei. Die Ressourcen und die Technologie sind vorhanden. Leider war aber in mehr als zwei Jahren Diskussion im Nationalkongress die einzige Sorge der Parlamentarier festzulegen, wer das Geld bekommt. Es wurden völlig Themen ignoriert wie die Tatsache, dass die Petrobras verpflichtet ist, 30 Prozent der neuen Pré-Sal-Felder zu betreiben. Kein anderes Ölunternehmen der Welt, so agil und kompetent es auch sein mag, ist in der Lage, alles allein zu bewerkstelligen.

Veja: Hat die Regierung die Investitionsfähigkeit der Petrobras überschätzt?

Norman Gall: Es hat dort viele politische Spielchen gegeben. Die Regierung hat die Grenzen der Fähigkeit zu investieren und umzusetzen gekannt. So wie die Jongliererei, Geld aus der Staatskasse in die BNDES [Anm.: Staatliche Bank für Entwicklung] zu übertragen, damit die Bank es an Bundesstaaten weitergibt, ohne die öffentlichen Konten kurz vor den Präsidentschaftswahlen in 2010 zu belasten. Alles ziemlich schnell und wenig ernsthaft, als sei es Alltagsgeschäft, aus dem Nichts ein Ölprojekt dieser Größe aufzubauen.

Veja: Die brasilianische Ölproduktion geht zurück. Wäre es nicht besser gewesen abzuwarten, damit genau das Gegenteil eintritt?

Norman Gall: Ohne Zweifel. Es gibt ziemlich objektive Gründe, die verstehen lassen, was gerade passiert, und diese sind verknüpft mit der Art und Weise wie man mit Öl-Themen in Brasilien bis lang umgeht. Aufgrund von Managementproblemen wurden Ölplattformen für Wartungsarbeiten ausgerechnet dann stillgelegt, als sich die Ölbrunnen des Bacia de Campos gerade in ihrer Reifephase befanden, mit der Folge von zehn bis 20 Prozent Produktionsrückgang. Es fehlen noch immer Anbieter des nötigen Equipments, um ein ambitioniertes Projekt wie das Pré-Sal umzusetzen.

Veja: Ist es unter irgendwelchen Gesichtspunkten sinnvoll, die Beteiligung nationaler Unternehmen zu bevorzugen?

Norman Gall: Theoretisch, ja. Mit lokalen Zulieferern zu arbeiten, könnte sogar ein Wettbewerbsvorteil sein; allerdings eine Struktur so einer Größe und Komplexität zu entwickeln, das dauert Zeit. Und es gibt einen dringenden Bedarf an Sonden und Plattformen, den der nationale Markt nicht in der Lage ist zu bedienen. In einer nicht nachvollziehbaren Haltung macht die Regierung alles noch schwieriger, indem sie sogar virtuelle Werften unter Vertrag nimmt, die von Unternehmen geleitet werden, die noch nie eine Sonde hergestellt haben. Aufgrund dieser Torheit verliert die Petrobras ihren Ruf als ernstzunehmendes Unternehmen, den sie sich schwer erarbeitet hat.

Veja: In welchem Umfang haben laut Ihrer Studien diese Hindernisse, auf die Sie sich beziehen, eine Folge für die Exploration des Pré-Sal?

Norman Gall: Sie verspäten die Planungen. Die Vorhersage war, dass sich das Pré-Sal in 2020 bereits in vollständiger Produktion befindet. Allerdings ist der deutliche realistischere Zeithorizont, aufgrund der aktuellen Umstände, dass das etwa in 2025, 2030 passieren wird.

Veja: Das Maßnahmenpaket, was die Präsidentin Dilma Rousseff kürzlich ins Leben gerufen hat, um die Infrastrukturprobleme zu lösen, kann nicht zur Lösung der Situation beitragen?

Norman Gall: Die von der Regierung verabschiedeten Pakete für die Branche sind extrem fragwürdig: eine Missachtung der Spielregeln. Brasilien hat stark dafür gekämpft, im Ausland das Bild aufzubauen, ein Land zu sein, dass Verträge einhält. Aber jetzt gibt es keine Sicherheit mehr, dass das, was mal vereinbart wurde, auch zukünftig in Bereichen wie Transportwesen und elektrische Energie noch Gültigkeit haben wird; dadurch dass die Präsidentin von einem Tag auf den anderen unterschriebene Verträge ungültig gemacht hat. Bisher war das Modell der Steuerung von Infrastruktur das der Konzessionen. Die Unternehmer traten in Versteigerungen in Wettbewerb, haben die Verantwortung für die Vermögenswerte übernommen, haben investiert und haben Gebühren genommen, die die Firmen und Aktionäre vergüteten. Das ändert sich jetzt. Die Regierung erlässt neue Regeln, die den Unternehmer in einen schlecht bezahlten Dienstleister verwandelt.

Veja: Was hat das für Folgen?

Norman Gall: Die Versteigerungen der Flughäfen sind ein Beispiel. Die Bedingungen der Ausschreibungen erlaubten keine attraktiven und ausreichenden Margen für Firmen mit Erfahrung und gutem Ruf. Das Ergebnis war, was alle gesehen haben, dass Neulinge im Markt die Preise nach unten gedrückt haben und die Versteigerungen gewannen. Bezweifelt irgendjemand, dass diese Firmen irgendwann in der Zukunft die Preise nachverhandeln werden? Meiner Meinung nach ist das kein intelligenter Weg, die nationale Infrastruktur zu managen.

Veja: Ist das Gesetz der Royalties [Anm.: Erlöse aus der Ölförderung], welches der Kongress gerade verabschiedet hat, ein Bespiel für Vertragsbruch?

Norman Gall: Ja. Man kann den Text nicht so lassen, wie er jetzt ist. So werden die Investoren vor den Versteigerungen neuer Ölfelder fliehen oder die Gerichte bemühen. Das kann die für das Land so wichtigen Versteigerungsprozesse noch weiter hinauszögern.

Veja: Viele Unternehmer begrüßen das neue Modell der Eisenbahn-Konzessionen, da sich hier die Investitionen als sinnvoll erweisen, gerade weil die Regierung eine Nachfrage nach der Dienstleistung garantiert. Stimmen Sie mit dieser Strategie überein?

Norman Gall: Nein. Die Regierung ergreift damit Maßnahmen, die die staatliche Kontrolle verschärfen, ohne dabei das Management zu verbessern, und die das Risiko erhöhen, im Land Geschäfte zu machen.

Veja: Glauben Sie, dass in der öffentlichen Verwaltung gut ausgebildete Teams fehlen, die Projekte von solcher Dimension und Komplexität managen können?

Norman Gall: Das ist nicht die Frage. Brasilien ist nicht arm an solchem Personal. Wir haben gute Köpfe, Leute, die gleichzeitig die Verschlängelungen der öffentlichen Prozesse sowie den Markt kennen und wissen, wie man mit der Unternehmerschaft umgeht. Was wirklich fehlt, ist, ernsthafte wirtschaftliche Kriterien aufzusetzen, die große Projekte vom Papier in die Realität bringen.

Veja: Der Nationalkongress hat gerade ein Gesetz verabschiedet, das zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes für öffentliche Ausgaben im Bildungsbereich vorsieht. Kann diese Initiative das Bottle Neck bei den Arbeitskräften, das Sie beschreiben, verringern?

Norman Gall: Es bringt nichts, weiter Geld in Schulen zu stecken, wenn es keine klaren Kriterien gibt, wie diese zu verwenden sind und wie Fehlleitungen [Anm.: Damit ist u.a. Korruption gemeint.] kontrolliert werden. Genau wie es beim Pré-Sal passiert, gibt es wichtigere Probleme zu lösen, bevor man über die Erhöhung der Budgets nachdenkt. Es wird wenig oder gar nichts bringen, die Bildungsausgaben steigen zu lassen, ohne die notwendigen Änderungen in dem ineffizienten System, wie es heute in Brasilien existiert, durchzuführen.

Veja: Was sollte denn zuerst geändert werden?

Norman Gall: Das öffentliche Bildungssystem braucht an den Pädagogiklehrstühlen Standardlehrpläne, die die Lehrer so vorbereiten, dass sie wirklich guten Unterricht geben können. Ich trete für die Idee ein, dass das Ausbildungsniveau von Dozenten in einer nationalen Prüfung bewertet wird, deren Ergebnisse dann in Verbesserungsmaßnahmen münden können. Heute gibt es keine Bemühungen und keine Produktivität in der öffentlichen Bildung. Die Lehrer kommen nicht, erfüllen ihre Stunden nicht und geben wenig Hausaufgaben auf. Es ist nicht ungewöhnlich, Schüler anzutreffen, selbst unter den engagierteren, die die mittlere Schulausbildung abschließen, ohne je einen eigenen Text verfasst zu haben. So ist zu verstehen, warum Brasilianer so schlecht schreiben. Man spricht nun von mehr Bildungsausgaben, ohne sich vorher um die mit dem bereits bestehendem Budget schlecht eingesetzten Ausgaben zu kümmern. Wenn die konstanten Fehlleitungen der staatlichen Gelder für Schultransport und -verpflegung so weiter gehen, dann wird der einzige Effekt der Budgeterhöhung sein, den Korrupten mehr Geld zu geben.

Veja: Glauben Sie, dass die Gerichtsurteile im Mensalão-Prozess [Anm.: aktueller Prozess einer politischen Korruptionsaffäre] dazu führen werden, dass Korrupte nun mehr Gründe für Angst vor Bestrafung haben?

Norman Gall: Die Verurteilung der Angeklagten kann als institutioneller Fortschritt bezeichnet werden. Allerdings muss Brasilien bei seinem Rechtssystem noch deutlich weiter vorankommen, um den Kampf gegen die Korruption noch effektiver führen zu können. Der Oberste Gerichtshof hat sieben Jahre gebraucht, um den Fall aufzunehmen und hat bereits drei Monate für den Prozess verbraucht, was den Staat viel Geld kostet. Übrigens sollte der Mensalão-Prozess eigentlich kein Thema für den Obersten Gerichtshof sein. In entwickelten Ländern kümmern sich höhere Gerichte nur um konstitutionelle Fragen, sonst würden sie in Fällen ertrinken. Das brasilianische Rechtssystem verwaltet 83 Millionen Fälle. Der Oberste Gerichtshof hat mehr als 100.000 Prozesse. Das ist verrückt.

Veja: Was sind denn die Lektionen aus den Gerichtsprozessen?

Norman Gall: Die große Lektion ist, dass es notwendig ist, den Staat so zu strukturieren, dass er sich gegen Korruption verteidigen kann; unabhängig von der Partei, die gerade an der Macht ist. Fälle von Geldhinterziehung bei der Schulverpflegung, des öffentlichen Transportswesens oder der Schulinstandhaltung gehören zum Alltag. Sie sind Teil des politischen Lebens in Brasilien. Dies zu bekämpfen, ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft und der Bundespolizei, die ihre Aufgaben nicht immer so erfüllen, wie eigentlich gewünscht. Zu diesem institutionellen Fehlverhalten gesellt sich noch ein starker kultureller Aspekt im Sinne von „das hat nichts mit mir zu tun“. Ohne Kontrolle und Einforderungen öffnet sich Raum für Anreize weiterer Fehlleitungen von öffentlichen Geldern in einem schlimmen Teufelskreis.

Veja: Von welchen Anreizen sprechen Sie?

Norman Gall: Ein Land, in dem die Unternehmerschaft die Bauprojekte, die durchgeführt werden sollen, plant und vorschlägt, um sie danach auch zu verwalten, hat ohne Zweifel ein ernstes Problem. Daher schlage ich immer in die gleich Kerbe, dass eine Reform der Institutionen diese stärker und widerstandsfähiger gegenüber den Politikern machen kann. Es ist nicht so schwer, das umzusetzen. Man muss dafür eine Agenda des Konsens erstellen, für die Personen aus allen Lagern gehört werden, um eine Liste mit grundlegenden Maßnahmen abzustimmen. Erst wenn Brasilien diesen Punkt erreicht, wird es möglich sein, mit der gewohnten Arbeitsweise, die die brasilianische Politik verunreinigt und die das Wachstum des Landes hemmt, zu brechen.

 

Interview im Original veröffentlicht in der brasilianischen Zeitschrift Veja, Nr. 2295 vom 14.11.2012
Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch: Tim Fabian Besser
Mit freundlicher Genehmigung von Editora Abril und Norman Gall
© 2012 Editora Abril Comunicações 
Malu Gaspar / Revista Veja