Die brasilianische Mittelschicht- ein herbei geredeter Wunschtraum? Copyright: AgênciaBrasil Renato Araujo
Die brasilianische Mittelschicht- ein herbei geredeter Wunschtraum? Copyright: AgênciaBrasil Renato Araujo

Die brasilianische Mittelschicht – ein herbei geredeter Wunschtraum? / Copyright: AgênciaBrasil

Immer wieder wird in den vergangenen zehn Jahren von der neuen brasilianischen Mittelschicht, die den sozialen Aufstieg geschafft haben gesprochen. Intellektuelle wie Wirtschaftsexperten machen diese Aussagen mit Vehemenz am angestiegenen Pro-Kopf-Einkommen der Brasilianer fest.

Doch die Meinungen darüber sind bei Weitem nicht einhellig. Zwar negiert keiner der Experten aus der Ungleichheitsforschung, einem Wissenschaftszweig der Soziologie, dass die Ungleichheit in Brasilien abgenommen hätte. Auch besteht kein Zweifel darüber, dass die Konzentration des Reichtums verringert und die Chancen des sozialen Aufstiegs für die Armen innerhalb der letzten Dekade verbessert werden konnten. Uneinigkeit besteht jedoch darüber, ob das Pro-Kopf Einkommen als alleiniger Indikator gezählt werden sollte. Einige Experten argumentieren, dass sich die soziale Mittelschicht durch eine ganze Reihe anderer Charakteristika auszeichne als lediglich wirtschaftliche Aspekte.

Zur wirtschaftlichen Mittelschicht werden die Familien gezählt, deren Pro-Kopf-Einkommen zwischen 291 und 1.019 Reais (rd. 110,58 Euro und 387,22 Euro) liegt. Die Wahrscheinlichkeit, in naher Zukunft in die Armut abzurutschen, wird als gering eingestuft.

Eduardo Fagnani vom Institut für Ökonomie der Staatsuniversität von Campinas (Unicamp) hält die neue Mittelschicht für eine Wunschvorstellung, die herbeigeredet werde. „Die Mittelschicht definiert sich nicht durch das Pro-Kopf-Einkommen sondern durch ihre Position in der Sozialstruktur der Gesellschaft.“

Seiner Meinung nach hänge das Gros der aufstrebenden Gesellschaftsschicht noch zu sehr von öffentlichen Aufwendungen des Staates ab und zeichne sich nicht durch die der Mittelschicht eigenen Charakteristika aus. Diesbezüglich nennt er die Aufwendungen für Privatschulen, Eigenvorsorge jenseits der staatlichen Gesundheits- und Rentensysteme sowie regelmäßige Reisen ins Ausland. „In Brasilien gibt es das alles nicht in dem Maße, als dass man von einer wirklichen sozialen Mittelschicht sprechen könne,“ so Fagnini, „außerdem fehlt es in Brasilien an einem breiten Zugang zur höheren Bildung, wie zum Beispiel in Westeuropa nach dem Krieg.“

Auch der Soziologieprofessor der Bundesuniversität von Juiz de Fora (UFJF) Jessé Souza nennt die Mittelschicht lieber „neue Arbeiterklasse“, denn laut Souza lasse der ausschließliche Blick auf das Einkommen andere soziale, moralische und kulturelle Merkmale einer Mittelschicht außer Acht.

Bezüglich der weit verbreiteten Auffassung das brasilianische Sozialprogramm Bolsa Familia habe maßgeblich zur Schaffung der neuen Mittelschicht beigetragen, äußert sich die Ökonomin Sônia Rocha, vom Institut für Arbeits- und Gesellschaftsstudien (Instituto de Estudos do Trabalho e Sociedade, kurz: IETS) ebenfalls kritisch. Für sie liegen die Ursachen der schwindenden Ungleichheit in Brasilien eher in der Entwicklung auf dem boomenden Arbeitsmarkt, der für 3/4 des Einkommens der brasilianischen Familien verantwortlich ist. (er)