Die einzige Überlebende des Folterzentrums bei Rio de Janeiro, Inês Etienne Romeu, bei ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission von Rio de Janeiro.  / Copyright: Agência Brasil
Die einzige Überlebende des Folterzentrums bei Rio de Janeiro, Inês Etienne Romeu, bei ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission von Rio de Janeiro.  / Copyright: Agência Brasil

Die einzige Überlebende des Folterzentrums bei Rio de Janeiro, Inês Etienne Romeu, bei ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission von Rio de Janeiro. / Copyright: Agência Brasil

Die Wahrheitskommission von Rio de Janeiro zur Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur will Militärs gerichtlich zur Zusammenarbeit zwingen. Wenige Tage bevor sich am 1. April zum 50. Mal der Staatsstreich jährt, gehen die Bemühungen zur Aufklärung der Verbrechen durch die Militärs weiter. Die vielerorts eingesetzten Wahrheitskommissionen werden dieses Jahr ihre Abschlussberichte vorlegen. Über strafrechtliche oder ermittlungsberechtigte Befugnisse verfügen die Kommissionen nicht.

Um Auskunft über den Verbleib von durch die Sicherheitsorgane Entführter und Gefolterter, den desaparecidos, zu bekommen, untersucht die Wahrheitskommission des Staates Rio de Janeiro nun juristische Möglichkeiten, um Armeeangehörige zur Zusammenarbeit bei den Untersuchungen zu verpflichten. Wie die Tageszeitung Estado de São Paulo in ihrer Mittwochsausgabe (26.3.) schreibt, erörtert der Vorsitzende der Kommission Wadih Damous mit Juristen Möglichkeiten zu diesem Schritt. „Noch ist unklar, wie das Verfahren aussehen wird“, so Damous.

Am Tag zuvor hatte der ehemalige Offizier Paulo Malhães gegenüber der nationalen Wahrheitskommission in Brasília bestätigt, politische Gefangene gefoltert und ermordet zu haben. Namen wollte er jedoch nicht nennen, wodurch sein Geständnis an sich ohne wirklichen Wert bleibt. Denn was vor allem ungeklärt ist, ist der Verbleib vieler Opfer. Gleichzeitig stritt der Ex-Militär ab, dass er den Körper des wahrscheinlich 1971 ermordeten Abgeordneten Rubens Paiva verschwinden ließ. Dies wiederum hatte er bereits vor der Wahrheitskommission von Rio de Janeiro behauptet. Er selbst gab zu Protokoll, dass man niemals wissen werde, was Wahrheit oder Lüge sei.

Für Überlebende, Angehörige von Opfern und die Mitglieder der Kommissionen ist dies ein untragbarer Zustand. Zuvor hatte die Überlebende Inês Etienne Romeu (69) während ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission Rio de Janeiro am vergangenen Dienstag (25.3.) sechs Sicherheitsbeamte auf Fotos wiedererkannt – darunter auch den mehrfach beschuldigten Ex-Leutnant Antônio Fernandes Hughes de Carvalho.

Laut mehrerer Zeugenaussagen ist der bereits verstorbene Antônio Fernandes Hughes de Carvalho unter anderem für die Folter und Ermordung es 1971 verschwundenen Abgeordneten Rubens Paiva verantwortlich. Dessen Körper wurde bis heute nicht gefunden. Zuvor hatte Inês Etienne Romeu die Anwesenheit des 1997 verstorbenen Arztes Amílcar Lobo Moreira da Silva sowie des ehemaligen Offiziers und heute als Anwalt tätigen Ubirajara Ribeiro de Souza in der Casa da Morte bestätigt. Beide hätten Folterungen beigewohnt oder sich an Verbrechen gegen Gefangene beteiligt.

Romeu ist das einzige überlebende Folteropfer aus der Casa da Morte, dem Folterzentrum nördlich von Rio de Janeiro. Während ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission in Rio de Janeiro vergangenen Dienstag (25.3.) erkannte sie auch weitere, fünf ehemalige Militärs auf Fotos wieder. Romeu war gegen 1970 in der Untergrundorganisation VAR-Palmares aktiv, wurde gefasst und verbrachte 96 Tage in Gefangenschaft, während der sie mehrmals gefoltert wurde. (ms)