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Drei Organisationen, die deutsche Unternehmen auf dem Weg in einen unbekannten Markt begleiten

von Susanne Weiss

Logo des Lateinamerika Verein (LAV) / Copyright: LAV

Der Lateinamerika-Verein e.V. (LAV)

Der Hamburger Lateinamerika-Verein ist der bundesweit erste Wirtschaftsverband, der die Interessen deutscher Unternehmer auf dem Subkontinent im Blick hatte – was natürlich ein wenig in der Natur des Standorts liegt. Die Hansestadt ist mit Hafen, Speichern und Kontoren ein traditioneller Umschlagplatz für Güter aller Art und – wie die Stadt sich selber attestiert – ein „Tor zur Welt“. Der LAV ist Unternehmensnetzwerk und Informationsplattform für die deutsche Wirtschaft mit Interessen an und in Lateinamerika. 1916 von Hamburger und Bremer Kaufleuten gegründet, liest sich das Mitgliederverzeichnis wie das Who is Who der in Lateinamerika aktiven deutschen Wirtschaft. Die Mitglieder sind Unternehmen und Einzelpersonen – vom mittelständischen Betrieb bis zum globalen Konzern. Sie kommen vor allem aus Deutschland, aber der Club hat auch Mitglieder aus anderen europäischen Ländern und aus Lateinamerika. Der traditionsreiche Wirtschaftsverein ist weit mehr als eines der zahllosen „Netzwerke“. Man kennt einander – wichtige Grundlage des vertrauensvollen Erfahrungsaustausches – und pflegt somit auch die persönliche Beziehung zu den Ländern Lateinamerikas, was nach Überzeugung des Lateinamerika-Vereins einst wie jetzt die Basis einer guten Geschäftsverbindung ist. Brasilien ist der stärkste und wichtigste Handelspartner Deutschlands in Lateinamerika.

Jana Dotschkal ist seit Oktober 2011 die neue Brasilienreferentin des Lateinamerika-Vereins. Sie studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaft in Köln, in Florianopolis und Paris. Außerdem sammelte sie internationale Erfahrung im Auswärtigen Amt, im Bundesministerium der Verteidigung, dem Bundespressamt und Mittlerorganisationen der Bundesregierung an verschiedenen Standorten.

Jana Dotschkal folgt Peter Rösler nach, der viele Jahre als stellvertretender Geschäftsführer des Hamburger Vereins für Brasilien und weitere Länder der Region ein verlässlicher Partner war. In seiner Funktion als Länderanalyst hatte Peter Rösler mit unvergleichlicher Akribie Hintergrundinformationen zu Brasilien recherchiert, den Mitgliedern des LAV zur Verfügung gestellt und öffentlich präsentiert. Und betrachtet man dieses Material zu Brasilien genauer, kann zu Tage treten, dass die üblichen Vorurteile und Zuschreibungen mit der brasilianischen Realität schon lange nichts mehr zu tun haben. „Brasilien ist keine Agglomeration investitionshungriger, sambatanzender und unpünktlicher Leute, die auf jede Form der Investition anspringen, um sie in eine Goldquelle zu verwandeln“, sagt Jana Dotschkal. „Vielmehr besticht das Land durch einen attraktiven, aber gleichzeitig komplexen Markt, den jeder Unternehmer im Detail analysieren und vor Ort intensiv kennen lernen sollte.“ Genau dabei hilft der Lateinamerika-Verein, fester Bestandteil der Lateinamerika-Initiative der deutschen Wirtschaft. Seine Mitglieder können ein dichtes Netz aus Kontakten zu Wirtschaft und Politik nutzen, wenn sie Handels-, Kooperations- und Investitionsmöglichkeiten suchen, sei es während der regelmäßig stattfindenden Treffen und Wirtschaftstage oder bei den branchenbezogenen Unternehmerreisen in die Region.

Das jährlich wichtigste Ereignis der deutsch-lateinamerikanischen Wirtschaftsbeziehungen ist der Lateinamerika-Tag, zu dem außer Unternehmern auch Minister und Staatspräsidenten lateinamerikanischer Länder gern erscheinen. Brasiliens ehemaliger Präsident Lula kam 2009. Auch in Hamburg macht sich das gestiegene Interesse an Brasilien bemerkbar, das aber, so gibt die Expertin zu bedenken, keine unüberlegte Goldgräberstimmung auslösen sollte, die unvermeidlich zu Fehlern führt. „Verglichen mit seinen ostasiatischen Partnern ist Brasilien kein Land exorbitanten Wirtschaftswachstums“, sagt Jana Dotschkal. „Das ist aber nicht auf eine weniger erfolgreiche ökonomische Aktivität zurückzuführen. Das Land gedeiht nachhaltig, hat eine stetig wachsende Mittelschicht und sinkende Armut in stabilen demokratischen Strukturen zu verzeichnen.“

www.lateinamerikaverein.de

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Die Außenhandelskammern in Brasilien (AHK)

Für denjenigen, der sich direkt vor Ort in die brasilianische Wirtschaftslandschaft einfädeln will, sind die Außenhandelskammern in São Paulo, Rio de Janeiro und Porto Alegre häufig die ersten Anlaufstellen. Viele der Brasilien-Neulinge tragen sich mit mehr oder minder schweren Bedenken gegenüber einem Land, das sie noch nicht aus eigener Erfahrung kennen, sondern häufig aus folkloristischen Zuschreibungen und den Anekdoten derjenigen, die eine schier unüberwindliche Gemengelage aus Kriminalität, Korruption und unpünktlich sportlich bis heldenhaft überstanden haben … „Die Hindernisse sind bei weitem nicht so groß wie gemeinhin vermutet“, sagt demgegenüber Weber Porto, Präsident der Außenhandelskammer in São Paulo. Dass die Bürokratie zum Teil langsam und kompliziert, das Steuersystem schwer verständlich und das Justizsystem schwerfällig ist, bezweifelt auch er nicht – brasilianische Alleinstellungsmerkmale sind das indessen nicht.

Auch die Außenhandelskammer in São Paulo kann mit einem Superlativ aufwarten. Sie ist mit 1.200 Mitgliedern die größte deutsche Außenhandelskammer weltweit, und in 90 Jahren sind Niederlassungen in Porto Alegre und Rio de Janeiro sowie zahlreiche Zweig- und Nebenstellen im ganzen Land entstanden. Dass sich der Wind für Brasilien gedreht hat, kommt auch in den Räumen in der Rua Verbo Divino im Stadtbezirk Santo Amaro an: „Sehr viele Unternehmen bemerken dies und wenden sich jetzt verstärkt Brasilien zu“, sagt Thomas Timm, Geschäftsführer der AHK. „Dies gilt auch für deutsche Firmen, insbesondere für die kleineren und mittelständischen Unternehmen, für die unsere Kammer stets die erste Anlaufstelle ist.“ Die Kammer ist zum einen Knotenpunkt und Relaisstation im deutschen Industrie-Cluster, hilft darüber hinaus Neuankömmlingen, unterstützt beim Gründen und bei allem, was Recht ist, bei Steuerfragen und beim Umgang mit Behörden. Sie vermittelt Kontakte in alle Richtungen. Man kennt die relevanten Personen in der Politik, ebenso die Berater, und man weiß, wie und wo gut ausgebildetes Personal zu finden ist.

Vor einer Gefahr warnen aber die Profis aus Erfahrung: Als Neuankömmling sollte man das erfolgreiche Agglomerat der 1.200 deutschen und deutschstämmigen Firmen nicht zur quasi heimischen Provinz machen, indem man unter sich bleibt. Man braucht einen brasilianischen Partner, der einen weiter einfädelt, vor allem einen, der die jeweilige Branche kennt. Wichtig ist die richtige Kombination aus persönlichen Kontakten und Systematik. Und die großen „Alten“ unter den deutschen Unternehmen, diejenigen mit 100 oder mit 50 Jahren Erfahrung in dieser speziellen deutschen Industrieregion sind gerne bereit, „unter Freunden“ zu beraten und mit ihrer Erfahrung zu helfen. Sie alle sind Mitglied der Kammer, und Thomas Timm versichert: „Die Deutsch- Brasilianische Industrie- und Handelskammer wird alles Erforderliche tun, dass den deutschen Unternehmen keine Geschäftschancen verborgen bleiben.“

www.ahkbrasil.com

Logo des BrazilBoard / Copyright: BrazilBoard

Das BrazilBoard

Das BrazilBoard des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) ist der jüngste Player auf der deutsch-brasilianischen Wirtschaftsbühne. Seine Mitglieder gehören den Vorständen der „Big Names“ der deutschen Unternehmen an. Die Branchenverteilung ist ausgewogen, und die 2009 gegründete Initiative des BDI versteht sich als Ansprechpartner für Firmen, die ein Engagement in Brasilien planen. „Wir setzen konkrete Impulse für strategische Partnerschaften und identifizieren relevante Handlungsfelder und Themen für einen Ausbau der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen“, erklärt der Vorsitzende des BrazilBoard, Stefan Zoller.

Die junge Organisation mit Sitz in Berlin hat inzwischen eine Vielzahl von Aktivitäten etabliert. Bei den jährlichen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen, organisiert vom BDI und seinem brasilianischen Partnerverband CNI, wirkt das BDI BrazilBoard aktiv mit, die Mitglieder unterstützen und begleiten Reisen von Regierungs- und Industrievertretern und wirken vor allem auch bei bilateralen politischen Gesprächen mit.

Elf Schwerpunktthemen hat man definiert. Sie reichen branchenbezogen von Automotive bis Sicherheit und sind in „Workstreams“ organisiert, die kontinuierlich angepasst werden. Auch die Kooperationen wurden kontinuierlich ausgebaut. Die Partner sind die Lateinamerika-Initiative der deutschen Wirtschaft, die AHK vor Ort und der Lateinamerika-Verein, so dass im BrazilBoard alle Kompetenzen zusammenfließen.

„Wenn sich Brasilien und Deutschland gemeinsam den Herausforderungen unserer Zeit stellen, erwachsen Synergien aus der wechselseitigen Ergänzung der Ressourcen und Kompetenzen, die auf bilateraler und vielleicht sogar globaler Ebene zu tragfähigen und nachhaltigen Lösungen führen“, ist der Vorsitzende des BrazilBoard, Stefan Zoller, überzeugt. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass diesem Land eine große Zukunft bevorsteht.“

www.brazilboard.de

Über die Autorin:
Susanne Weiss schreibt, redigiert und publiziert zu Themen aus Wissenschaft und Wirtschaft; Partner sind unter anderem Universitäten, Akademien und Verbände. Ihre akademische Ausbildung als Ethnologin führte sie früh nach Lateinamerika – speziell Brasilien – das einen Schwerpunkt ihrer Publikationstätigkeit bildet. Nach 15 Jahren Innenansicht in verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes Berlin machte sie sich 2002 mit dem Wortwandel Verlag selbstständig. Susanne Weiss ist Mitglied im Lateinamerika-Verein und in der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft.